Markus Hahn
Freizeit


Fidelio

Mitte April 2007 erfuhr ich von Conny, dass das Kieler Opernhaus Tenöre für den Extrachor sucht, um in Ludwig van Beethovens Oper "Fidelio" mitzuwirken. Sofort habe ich mich beim Chordirektor David Maiwald gemeldet und durfte mitmachen.

Wächter     Gefangener     Volk

Das Trauma in Marzellines Leben

Ein roter Teppich, Fackelträger, feierliche Worte vom Ministerpräsidenten, der Oberbürgermeisterin und des Generalintendanten, Live-Übertragung im Radio: 100 Jahre nach der Eröffnung erfährt das Kieler Opernhaus zu Recht besondere Beachtung und eine Neuinszenierung von Beethovens Fidelio, die szenisch und sängerisch gut, orchestral sogar aufregend gelingt.

Marzelline hat es nicht gut getroffen. Das pubertierende Püppchen bügelt ihre Sehnsüchte vergeblich in die Anstaltswäsche. Und Susan Gouthro komplettiert dieses Porträt mit flehentlich zarten Soprantönen. Bedrängt vom blassen, verhetzt geschäftigen Pförtner Joaquino (adäquat hager in Ton und Auftreten: Steffen Doberauer) und belästigt vom brutalen Gouverneur des in jeder Beziehung unterirdischen Beton-Gefängnisses, hängt sie ihr "Prinzip Hoffnung" an Fidelio. Doch der Neue im Räderwerk des Unrechtsstaates ist kein Traummann, sondern die verkleidete Leonore, die mit persönlichem und politischem Drang versucht, ihrem Gatten Florestan die Freiheit des Andersdenkenden zurück zu gewinnen. Unterbelichtete Getriebene huschen in Dominik Neuners allemal profilierter Kieler Jubiläumsinszenierung von Beethovens Fidelio durchs Bild. In Hans Dieter Schaals kühn und kantig geschnittenen Bühnen-Zementierungen, die man mit den 80er-Jahren und Ruth Berghaus verbindet (etwa im Hamburger Tristan), kommt ihre mausgraue Chancenlosigkeit bestens zur Geltung. Die Kostüme von Julia Dominique Debus passen sich ein, gerade weil sie an Klischees aus der Arbeitskittel- und Ledermantel-Ecke nicht vorbeikommen (wollen). Das Premierenpublikum schluckt diese Retro-Aktualisierung des in den Dialogen stark beschnittenen Stoffes denn auch ohne Gegenwehr.

Florestan
Florestan im Kerker...

Wirklich aufregend wird die Sache sowieso aus einem anderen Grund. Generalmusikdirektor Georg Fritzsch macht seine Ankündigung wahr und treibt die bestens disponierten Kieler Philharmoniker derart rasant durch einen Zeittunnel, dass der "Eroica"-Impetus einer Revolutionsoper aufmüpfig vor Ohren steht. Die kleine Besetzung und die schnellen Tempi, mit denen erstmals ein Ferenc Fricsay genau vor fünfzig Jahren die Beethoven-Gemeinde spaltete, treffen hier glücklich mit jüngeren Erkenntnissen der Harnoncourt-Fraktion zusammen. Nervös und vibratoarm surren die Streicher, schlank kommentieren die Holzbläser und Hörner, knallig punktet die Pauke und bissig setzen die Barockposaunen und Naturtrompeten Akzente. Im Ersten Akt bleibt so kein Deut falscher biedermeierlicher Gemütlichkeit übrig. Der Gefangenenchor auf hohem Niveau einstudiert von David Maiwald (Solisten: Hojoon Lee und Shuichi Umino) verästelt sich wundervoll durchhörbar. Und das Drama steigert sich endlich in gebotener Beethoven- Schärfe.

Die Sänger dürfen sich, wenn schon nicht über üppige Atempausen, so doch über kammermusikalischen Freiraum freuen. Wilhelm Schwinghammers junger und trotzdem imposant bassiger Rocco lässt den üblichen Gemütsmenschen ganz außen vor und kehrt schonungslos den eingeschüchterten Mitläufer hervor. In Jooil Chois Don Pizarro hat er einen machtvoll dröhnenden Heldenbariton zum Chef, dessen Dämonie nur nicht vollständig überwältigt, weil die deutsche Sprache verfärbt mitschwingt. Der Tenor Scott MacAllister besteht die schwere Prüfung der Florestan-Partie nicht ohne Anstrengung, aber mit bravourösem Schwung und wahrhaftiger Emphase. Letztere kann man auch Adrienne Dugger als Leonore nicht absprechen. Obwohl sie differenziert singt und in der Tiefe dramatisch orgeln kann, bleibt ihre Höhe derart eng und flackernd, dass sie es nicht vermag, den Abend angemessen an sich zu reißen.

So wie das Orchester auf wonnewolkiges Pathos verzichtet, glaubt auch die Regie nicht an den finalen Rettungsschluss. Kaum sind Florestan und Leonore mit ihrer "namenlosen Freude" aus der Szene herausgetreten, wird die Befreiung zum Champagner-Event abgestempelt. Florestan steht unbeachtet herum, Pizarro erschießt sich im Hintergrund und der schmierige Minister (entsprechend maniriert: Jörg Sabrowski) findet Gefallen an Leonore.

Folgerichtig bleibt auch Marzelline auf ihrem Lebenstraum(a)-Sofa sitzen. Hoffnungslos zerknüllt sie das Tagebuch ihrer Wünsche. Beethoven hätte sich ihr da in seinem psychosozialen Kerkerdasein des ertaubenden Genies vermutlich ganz nah gefühlt.

Von Christian Strehk (aus Kieler Nachrichten vom 02.10.2007)

Finale
Finale

Ludwig van Beethoven: Fidelio im Theater Kiel

Musikalische Leitung: Georg Fritzsch
Regie: Dominik Neuner
Bühne: Hans Dieter Schaal

Termine:
Sonntag, 30. September 2007 - Premiere
Donnerstag, 04. Oktober 2007
Sonntag, 14. Oktober 2007
Samstag, 27. Oktober 2007
Mittwoch, 21. Novemebr 2007
Samstag, 08. Dezember 2007
Dienstag, 18. Dezember 2007
Samstag, 22. Dezember 2007
Freitag, 25. Januar 2008
Donnerstag, 14. Februar 2008
Freitag, 21. März 2008
Sonntag, 30. März 2008

Der Gefangenenchor

Aufzeichnung vom Theater Kiel